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Fair Play im Fußballsport – eine Chimäre?

Fair Play ist ein vielschichtiger Begriff, unter dem Fakten wie Selbstkontrolle, Achtung des Gegners, Einhalten allfälliger Regeln, Ehrlichkeit, Anständigkeit, etc. subsummiert werden. Wann dieser Begriff aufgekommen ist, ist nicht geklärt. Feststeht, dass er vermutlich aus England stammt, aber ursprünglich (16./17. Jahrhundert [?]) nichts mit sportlicher Correctness zu tun hatte, sondern vielmehr im Sinne von alltäglichem „gerechtem Verhalten“ verstanden wurde.

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Mit dem Aufkommen des modernen Sports in England erfuhr das Fair Play eine neue inhaltliche Ausformung im Sinne einer moralischen Grundhaltung im Rahmen sportlicher Aktivitäten, die in der Folge auch von anderen Ländern übernommen wurde. D.h., es dreht sich um ein Verhalten, das nicht nur die bloße Einhaltung eines Regelwerks impliziert, sondern auch ein darauf abgestimmtes moralisch korrektes Benehmen. Das „Lexikon der Ethik im Sport“ bietet zu Fair Play z.B. folgende Interpretation: „Fairness zeigt sich im Rahmen sportlicher Wettkampfhandlungen im Bemühen der SportlerInnen, die Regeln konsequent und bewusst (auch unter erschwerten Bedingungen) einzuhalten oder sie zumindest nur selten zu übertreten, im Interesse der Chancengleichheit im Wettkampf weder unangemessene Vorteile anzunehmen noch unangemessene Nachteile des Gegners auszunutzen und den Gegner nicht als Feind zu sehen, sondern als Person und Partner zu achten“ (vgl. dazu Balz E, Neumann P [2002]: Lexikon der Ethik im Sport. Sportwissenschaft 32 (3), 330-335; doi: 10.1007/BF03175703).

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Welchen Stellenwert hat das Fair Play im Fußballsport?
Fußball ist eine körperbetonte und intensive Sportart mit zahlreichen Zweikämpfen, technischen und taktischen Finessen sowie vielen „grenzwertigen“ Situationen. D.h., Fußball ist von der Grundidee her eine Ballsportart, die durch eine sehr komplexe Herausforderung gekennzeichnet ist, zumal sie von den SpielerInnen eine körperliche, spieltechnische und geistige Fitness gleichermaßen einfordert. Als Konsequenz bereitet sie den AkteurInnen, wenn sie diese Herausforderungen in einem Spiel bewältigen, subjektive Freude und bewirkt bei ihnen, dem BetreuerInnen-Stab und den ZuschauerInnen eine emotionale Sinnfindung. Auf Grund dieser Voraussetzungen ist es unumgänglich, dass sich die SpielerInnen an das Regelwerk halten, aber auch dem Fair Play gerecht werden, eine Verhaltensweise, die sich vor allem auf die individuelle Einsicht und Überzeugung der AkteurInnen stützt und nicht auf generelle Übereinkünfte bzw. normative Standards.

Worin unterscheidet sich der Fair-Play-Gedanke von der reinen Regeleinhaltung?
Basis des Fair Play ist vordergründig „nur“ die Anerkennung und Befolgung der Fußballregeln (formelles Fair Play). Auf Grund dieser Vorgabe sollten Handlungen vermieden werden, die gegen das Regelwerk verstoßen. Die Achtung der Regeln, die für einen geordneten Sportbetrieb unabdingbar ist, wird deshalb als zentrales Element der Fairness angesehen, ebenso wie die Akzeptanz der SpielerInnen, den Anweisungen der SchiedsrichterInnen (ohne Kritik oder Widersetzung) Folge zu leisten.

Der viel wichtigere Aspekt des Fair Play ist jedoch eine angemessene Haltung der SpielerInnen im Umgang mit den GegnerInnen und den SchiedsrichterInnen. D.h., Fairness geht über den Rahmen definierter Regeln und Normen hinaus, sie ergänzt weder die Regeln noch erfüllt sie sie in einem tieferen Sinn (informelles Fair Play). Der deutsche Olympiasieger im Rudern (1960), Hans Lenk, beschrieb während der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts das informelle Fair Play folgendermaßen: „Behandle und achte den Partner und Gegner so, wie du selbst von ihm behandelt und geachtet werden willst und wie du willst, dass allgemein Konkurrenzregeln eingehalten werden sollen“ (vgl. dazu Lenk H: Wenn nur der Sieg zählt. Konkurrenz braucht Fairness - in Wirtschaft, Gesellschaft und Sport. In: Fairness-Report. Hrsg. von der Deutschen Fairness-Stiftung. Frankfurt 2001. S.4).

Im Fußballsport wird das Fair-Play, basierend auf der ethisch-moralischen Grundeinstellung der SpielerInnen, vor allem durch die verbale und die nonverbale Kommunikation aller an einem Match Beteiligten verdeutlicht. Die verbale Kommunikation ist unter Fairness-Bedingungen einfach zu definieren: Es geht um offene und respektvolle, in einem besonnenen Ton geführte Gespräche der SpielerInnen mit ihren GegnerInnen und dem SchiedsrichterInnen-Team sowie den BetreuerInnen, im Amateurbereich u.U. auch mit den ZuschauerInnen. Wesentlich schwieriger ist die Bewertung der nonverbalen Kommunikation, d.h. der nichtwörtlichen Verständigung der SpielerInnen mit ihren MitspielerInnen, GegnerInnen, SchiedsrichterInnen, etc. im Rahmen des Fair Play. Denn das Problem dieser Kommunikationsform besteht darin, dass ein Großteil der nonverbalen Kommunikation unbewusst oder nur teilbewusst stattfindet. Das bedeutet, dass nonverbale Kommunikation nur zu einem Teil willentlich gesteuert wird. Dazu kommt, wie Studien belegen, dass den Menschen in Summe gesehen mehr als 1.000 verschiedene Körperhaltungen, über 5.000 unterschiedliche Gesten und ca. 250.000 Gesichtsausdrücke zur Verfügung stehen.

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Blick und Mimik sind zwar für die Menschen die wichtigsten Instrumente der nonverbalen Kommunikation, am Spielfeld kommt aber der Gestik eine fast ebenso große Bedeutung zu, wobei nochmals angemerkt sei, dass gerade dieses Ausdrucksmittel der Kommunikation nicht immer bewusst, also vorsätzlich eingesetzt wird. Ein typisches Beispiel für ein solches Verhalten sind oftmals einfache Gesten wie z.B. das Anzeigen des Einwurf-, Abstoß- oder Eckstoßrechts, das von den SpielerInnen nicht als unsportlich verstanden wird. D.h., in diesen konkreten Fällen kann es sich um eine unbewusste oder teilbewusste Reaktion handeln, aber - leider - auch um den Versuch, sich einen illegalen Vorteil zu verschaffen. Hier ist das Gespür der Unparteiischen gefragt, ob das Fair Play überschritten wurde oder nicht, d.h., ob es sich um eine zu ahndende Aktion handelte oder nicht.

Wesentlich schwieriger sind für die SchiedsrichterInnen Gestiken einzustufen, bei denen es um das mögliche Vortäuschen eines Foulspiels („Schwalbe“) oder einer Verletzung im Rahmen eines Zweikampfes („sterbender Schwan“) geht. Hier sind das Wahrnehmungsvermögen und die Erfahrung der Unparteiischen gefragt, heutzutage in den obersten Spielklassen gegebenenfalls unterstützt durch den VAR, um eine adäquate Differenzierung zwischen berechtigtem und unberechtigtem Verhalten der involvierten SpielerInnen treffen zu können. Dass die betroffenen SpielerInnen in einem solchen Fall einen Beitrag zur Wahrheitsfindung im Sinne des Fair Play leisten können (Informieren des/der Schiedsrichters/in durch einen Spieler/eine Spielerin, dass sie/er z.B. ihr/sein Tor unkorrekt erzielt wurde - als Beispiel dazu sei Miroslav Klose erwähnt, der im Spiel Lazio Rom gegen SSC Neapel im Oktober 2012 zugegeben hatte, einen Treffer mit der Hand erzielt zu haben [vgl. dazu den Internetartikel unter https://www.spiegel.de/sport/fussball/miroslav-klose-erhaelt-italienischen-fair-play-preis-a-862314.html]), ist bekannt, kommt aber leider nur selten vor.

Alle anderen - unsportlichen - Gestik-Formen (Blockieren des Balles vor einer Freistoßausführung, Umherspringens des Torhüters vor einem Strafstoß, abfällige Handbewegungen gegen den Schiedsrichter, etc.) werden dagegen bewusst getätigt. Sie haben mit Fair Play nichts zu tun, sondern stellen Regelbrüche dar. Aber um Regelbrüche geht es in Zusammenhang mit dem Fair Play nicht, da das ein Widerspruch per se ist.

Das Fair Play sollte im Sport, selbstverständlich auch im Fußballsport, einen festen Platz haben. Sollte deshalb, weil diese Forderung vordergründig in der diesbezüglichen persönlichen Einstellung der einzelnen Sportlerin/des einzelnen Sportlers liegt. Denn Fair Play impliziert, wie erwähnt, nicht nur das Einhalten der Spielregeln, sondern vor allem den Respekt der SportlerInnen vor ihren sportlichen GegnerInnen und die Wahrung deren physischer und psychischer Unversehrtheit. Moralisch fair agieren und den Erfolg nicht um jeden Preis suchen, das ist das Gebot des Fair Play. Aber ist das heute noch möglich? Heutzutage zählt in allen Fußballligen nur der Sieg. Demzufolge besteht ein hoher Druck auf die SpielerInnen und TrainerInnen, weshalb von ihnen alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, das Regulativ zu beugen und das Fair Play zu umgehen.

In diesem Zusammenhang sei, um dieses Faktum zu untermauern, festgehalten, dass in den Vereinen den JungkickerInnen nicht nur fußballerische Kenntnisse, sondern auch das Regelwerk und vor allem das Fair Play als oberste Sportmaxime beigebracht gehörten. Aber ist das so? Eher nein, denn die Jugendlichen lernen mit zunehmendem Alter und vor allem zunehmender aktiver Fußballerfahrung, dass es im Interesse ihres sportlichen Erfolges günstig ist, die Regeln zu verletzen und das Fair Play als leitende Handlungsmoral nicht so ernst zu nehmen. Im Gegenteil, sie werden zusätzlich noch durch die Tatsache negativ inspiriert, dass im Profifußball abfällige Gesten, Schwalben oder verbale „Ausrutscher“ an der Tagesordnung stehen.

Dass unter solchen Bedingungen die Entscheidungen einer Spielleiterin/eines Spielleiters, die/der den Regeln Geltung zu verschaffen hat und zudem auf das Fair Play (auch ihre/seine Person betreffend) aller Beteiligten angewiesen ist, nicht unvoreingenommen akzeptiert werden, liegt auf der Hand. Aggressionen gegen die Unparteiischen sind deshalb keine Seltenheit mehr, vor allem im Falle von Fehlentscheidungen, die in den höchsten Ligen selbst von den VARs nicht verhindert werden können.

Worin besteht das eigentliche Problem?
Fair Play ist zwar die ethische Basis im Sport schlechthin, sie wurde und wird jedoch durch die immer noch zunehmende Professionalisierung, Kommerzialisierung, Politisierung und die damit verbundene gesellschaftliche Aufwertung des (Fußball)Sports nicht unbedingt positiv beeinflusst. Im Gegenteil, das bedingungslose Streben nach dem Erfolg („Siegermentalität“, „Sieger-Gen“) unterminiert den Fair-Play-Gedanken. Das ist insbesondere im Fußballsport zu sehen: Verletzungen des formellen und informellen Fair Play sind an der Tagesordnung, unterstützt durch einseitiges ZuschauerInnenverhalten und die Medieneinflüsse („nur der Sieg zählt“).

Um diesen Entwicklungen zu begegnen, wurden von vielen nationalen und internationalen Sportverbänden und Sportorganisationen Fair-Play-Initiativen ins Leben gerufen. Aber ist diesen Versuchen tatsächlich ein Erfolg beschieden, d.h. ein Besinnen auf das Fair Play? Für den Fußball sei folgendes Beispiel erwähnt: In den höchsten Spielklassen vieler Länder werden die gelben, gelb/roten und roten Karten, die die einzelnen Mannschaften im Laufe eines Spieljahres gezeigt bekommen, dokumentiert und dem Verein mit den wenigsten Karten ein Fair-Play-Award zugesprochen. Eine nette Initiative, aber, dieser Preis interessiert die Sportöffentlichkeit - berechtigterweise - eher marginal, weil er in Bezug auf das Fair Play nur dann Bedeutung hätte, wenn der Meister auch die fairste Mannschaft gestellt hätte. Viel wichtiger wäre daher eine breite Fair-Play-Diskussion in der sportbegeisterten Öffentlichkeit (initiiert z.B. durch die Medien und die Bildungseinrichtungen, aber auch durch die Vereine), um die Bedeutung fairen Handelns in Erinnerung zu rufen bzw. einsichtig zu machen - meines Erachtens am besten bereits in den Volks- bzw. Grundschulen im Rahmen eines Ethikunterrichts (Ethikunterricht gibt es in Österreich seit dem 1. September 2021 erst ab der 9. Schulstufe als Pflichtgegenstand (abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, die Ethikunterricht ab der 5. Schulstufe anbieten), wenn kein Religionsunterricht besucht wird !?)

Bericht: Univ.-Prof. Mag. Dr. Josef Hager - Ehrenmitglied der Tiroler Schiedsrichter
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